Reteid Resflet*21 Open Sources 9.7
Friday, 9. July 2004
Psychiatrien und deren Suchtwende in deren Behandlungsmetaphern. Schock-Therapien gegen Psychoanalyse und -therapiemethoden als Wechselspiel-Instanz für wirkliche Heilung/Hilfe in der beiderseitig ratlosen Suche nach stark hochgezüchteten Krankheitsbildern und deren Ergründung.

Die nun folgende Geschichte basiert auf persönlichen und z.T. schmerzhaften Beobachtungen und Erfahrungen in den Psychiatrien Europas und den mir freiwillig zugetragenen Krankheitsgeschichten vieler Patientinnen mit Nervenproblemen oder dypressiven Zu- bzw. Umständen. Die klassisch psychiatrische Diagnostik als Sucher-Technik, der sich immer humaner sehen wollenden Ärzteschaft, die sich um das seelische und psychische Wohlbefinden der Menschheit kümmert.

Vor allem Frauen ab 35 aufwärts leiden unter Schwermut/sucht auf ihrem Wege zu sich selbst und des breiten vielschichtigen und z.T. sich ständig ändernden seelischen Umfelds. Die Ergründung und Definition dieser unheilbaren Krankheit Depression bzw. Dypressie [mit all ihren fachtechnischen rhetorischen Verästelungen] ist zu einem tatsächlichen Volksgut enttabuisiert worden. Zu viele Menschen sind in azyklischen Zeitperioden einfach schlecht drauf, bissig und/oder kommen gar nicht mehr auf deren Beine. Die eigene Ratlosigkeit in der Erschöpfung seiner Selbst verlangt nach schneller und guter Hilfe des geglaubten Nervenproblems. Die Nerven müssen es ja sein, und die sind bekanntlich ja ein kaum zu berührendes Thema, da sich mit den Windungen des Hirns wohl noch niemand so wirklich auszukennen scheint. Da gibt es Hormonanalysen und bunte psychiatrische Gutachten, die über medizinische Faktums der Seele ihre Existenz auf mathematische Art und Weise nachweisen wollen.

Das Hineinsehen-Wollen und Berechnen-Müssen, warum welcher Transmittor der Hypophyse mit wie viel Liquor darum herum zu echtem Glückshormon im eigenen Stoffwechsel verhilft, scheint sich zum Volkssport von Betroffenen und sich damit betroffen fühlenden Menschen zu entwickeln. Aber nicht nur der Sport vor den Fernsehern und Gazetten, denn dahinter steckt natürlich eine ganze Industrie von Gentechnikern, Chemikern und netten Ärzten im Labor, die alle nur eines im Sinne haben: Hilfe der Hilfe Willen, weil man ja auch selbst Hilfe brauchen könnte.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Stoffwechselstimulatoren und Angstlösern bzw. sog. Stabilisatoren für das eigene Hirn und die erhoffte Wechselwirkung zur Seele ist eine nach wie vor sehr ernst zunehmende Absichtserklärung der gebildeten Ärzteschaft. Denen will ich nichts unterstellen, sondern nur von einer ganz anderen Warte beweisen, dass die meisten tatsächlich Behandelten [Frauen wie Männer] von ihren Techniken nur deshalb Gebrauch machen, weil die noch nicht weiter sind. Die Weiterentwicklung in der Forschung bzw. deren atemberaubende Erkenntnisse für die menschliche Seele, sind für die meisten menschlichen Lebewesen immer noch ein großer Dorn im Auge.

Wenn es wieder gut geht, stellt sich meistens ein Zustand von Krampflosigkeit bei beiden [Arzt/Probant/Patient] ein, denn wenn es gut geht, ist wohl alles wieder in Ordnung und notfalls hat man ja immer noch ein Pillchen beiseite, welches man notfalls einwerfen könnte. Es gibt verschiedene Ansätze in der Behandlung von gestörten Persönlichkeiten in der heutigen Zeit und vorwiegend sind jene mittlerweile »sauber« bzw. »therapeutisch« so gut angesetzt, dass man nie vermuten könnte, dass durch die erneute Autonomisierung des Patienten gar ein Rückfall eintreten könnte. Das schlimmste Szenario ist in der Tat der Rückfall, denn die Zähheit von seelisch belasteten Patienten ist nicht in Worte zu fassen. Genau jene Zähheit ist jedoch ein Erklärungsversuch des Leidenden etwas aufzuzeigen, denn in Wirklichkeit ist die Seele erschöpft und nicht die Nerven kaputt.

Das kann eine Nebenerscheinung sein, ist jedoch, meiner Meinung nach, niemals der vordergründige Grund für die Verabreichung von Ungeheuerlichkeiten wie Anafranil, Pertofran, Tofranil, Tryptizol, Tolvin, Xanor/Xanax, Efferxol, Seroxat, Zyprexa, Demetrin, Ludiomil, Lithium, Valium, Cyclobenzaprin, Haldoperol oder sonstigen Neuroleptika/Antidepressiva, welche offiziell als Medikamente bezeichnet werden und zur Behandlung von Psychosen eingesetzt werden. Sie werden bei der stationären und ambulanten Behandlung eingesetzt und sind für eine erfolgreiche kurz- oder langfristige Therapie laut Ärzten meistens unverzichtbar. Die Behandlung von verschiedensten Störungsbildern sollte jedoch, laut deren Angaben immer noch durch andere Maßnahmen, z.B. Psychotherapie, Soziotherapie und Psychoedukation ergänzt werden.

Kurz jedoch noch einen Erklärungstext zum Jungle der Pillchen/Spritzen und Säftchen: Die Medizin unterteilt zwei »Arten« von Neuroleptika: die typischen und die atypischen Neuroleptika. In der Gruppe der typischen Neuroleptika finden sich alle Medikamente der »alten Generation«. Diese Medikamente haben teilweise heftige Nebenwirkungen hervorgerufen und wurden von den Betroffenen deswegen oft abgesetzt. Die »neu« überarbeiteten der heutigen Zeit sind Medikamente [atypische Neuroleptika], welche genau da ansetzen, damit sie viel verträglicher klingen, weil die Nebenwirkungen erheblich gesenkt werden konnten. Außerdem haben sie ein breites Wirkspektrum und können deshalb besser eingesetzt werden. Das gilt sowohl für die Behandlung von akuten Schüben, als auch für die Langzeitbehandlung. Eine Langzeitbehandlung ist für das geringere Auftreten von Rückfällen besonders wichtig, sagt uns zumindest die Pharmaindustrie und auch so mancher schon davon abhängige Patient/in/Probant/in. Daher sorgen heutige Langzeitneuroleptika, die über Depotinjektionen alle 1-4 Wochen injiziert werden, auch für weniger befürchtete Rückfälle, die allerdings sehr wohl meistens wieder eine neue Spritze erfordern.

Entgegen der Meinung der Fachschaft, man müsse nach Klärung der individuellen Dosisund deren Umwelteinbindungs- und/oder Verträglichkeit, einfach nur schön abstimmen, zeigen erst die Nebenwirkungen [z.B. Müdigkeit, Orientierungsunfähigkeit, Konzentrationsschwäche, Bewegungsstörungen, Mundtrockenheit, Angstzustände etc.], was das Medikament selbst im Körper wirklich tut. Es ist dort nämlich nicht nur wirksam, sondern verändert durch den Zellstoffwechsel im Hirn auch das ganze Wesen über sehr komplexe chemische Vorgänge.

Daher sind die Nebenwirkungen häufig der Grund für den Abbruch einer Therapie, der von den Herren und Damen in Weiß meistens als unbegründet erklärt wird. Auch die Sorge, die lang andauernde Einnahme dieser Psychopharmaka könnte eine Medikamentenabhängigkeit oder gar Sucht entstehen lassen, wird meist sogar so erklärt, dass im Verlaufe einer längeren Behandlung die Dosierung vermindert werden kann bzw. letztendlich ganz »ausgeschlichen« werden soll. — Nur Mut also, wenn auch durch die hormonelle Neuformierung bzw. Zellveränderung der körperlichen als auch damit verbundenen sexuellen Beschwerden einfach beruhigend verharmlost wird. Da ja nur sehr selten die durch Neuroleptika ausgelöste Verbildung der weißen Blutkörperchen im Knochenmark wirklich schwerwiegend dramatische Osteoporose-Werte bei Frauen hervorruft, kann man dies wohl tatsächlich etwas verniedlichen.

Arzt und Betroffener sollten ein Team bilden, und das richtige Medikament in der richtigen Dosierung herausfinden, ohne den Machtbereich der PsychiaterInnen so zu relativieren, dass es gar eine Regelung hierfür bräuchte. Es gibt mehrere Beispiele, in denen die nicht mitgetragene Kritik an der institutionellen Psychiatrie zu rechtlichen Folgen führte. Da war z.B. das E-Schock-Urteil vom Fall Weigand 1954: Das Urteil sagte, dass die E-Schock-Verabreichung ohne ausreichende Aufklärung über die Risiken widerrechtlich ist. Andererseits wäre es gut zu ergründen, warum wir trotz so vieler alternativer Heilmethoden und hoch entwickelter Neuroleptika wie derzeit geradezu eine Renaissance des E-Schocks miterleben müssen. Das die Letztinstanz der Ausweglosigkeit, ja gerade Zwangsindikation dieser brutalen traumatischen Behandlungsmethode, immer noch in europäischen [und nicht nur dort] Breitengraden angewandt wird, muss wohl mit noch sehr viel ungeklärten Fragen zu tun haben. Einige möchte ich auch im Namen von Peter Lehmann, FAPI/Berlin, und der FAPI/Wien hier näher stellen:

1 – Soll die Hauptargumentation gegen den E-Schock als solchen oder aber gegen dessen zwangsweise Verabreichung erfolgen? [In New York City beispielsweise lassen sich viele Frauen fortgeschrittenen Alters freiwillig ambulant schocken.]

2 – Ist es ratsam, machbar, vertretbar, sich nicht mehr prinzipiell gegen den E-Schock auszusprechen, sondern ihn unter bestimmten Bedingungen zuzulassen, z.B. nur noch a) bei nachgewiesener febriler [fiebriger] oder perniziöser [gefährlicher]Katatonie? Diese ist allerdings differential-diagnostisch kaum unterscheidbar vom Neuroleptischen Malignen Syndrom – einem Symptomenkomplex, der als Folge der Neuroleptika-Behandlung in Erscheinung tritt, mit starkem Fieberanfall, Muskelstarre, Reglosigkeit, Stumpfsinn, Instabilität des vegetativen Systems wie z.B. Blutdruckschwankungen, Herzjagen, Herzrhythmusstörungen sowie b) nach Zustimmung einer komplizierten Regelung nach dem Alabama-Vorbild?

3 – Gibt es die febrile [perniziöse=bösartige, gefährliche] Katatonie überhaupt noch? Gibt es andere Behandlungsmöglichkeiten? Laut psychiatrischer Literatur taucht sie durchaus noch auf, wenn auch extrem selten. Wird diese febrile Katatonie differential-diagnostisch richtig erkannt, gibt es offenbar ausreichende schulmedizinische internistische Behandlungsmöglichkeiten, allen voran die Gabe des Spasmolytikums [krampflösenden Mittels] Dantrolen, verbunden mit der Zufuhr von Elektrolyten und evtl. einer minimalen Dosis eines schwachpotenten Neuroleptikums, vergleichbar deren Anwendung im Bereich der Anästhesie.

4 – Ist eine Mitarbeit in Zustimmungskommissionen schändlich? Möglicherweise muss gelegentlich zugestimmt werden, z.B. wenn die Betroffenen es tatsächlich wollen, z.B. bei lang anhaltenden unerträglichen Depressionen, die durch das Tätigwerden von Psychiatern im allgemeinen nicht gerade geringer werden? Oder ist eine Mitarbeit erstrebenswert, um Schlimmeres zu verhüten?

5 – Wie lösen wir den Konflikt zwischen fundamentaler Ablehnung des E-Schocks und – ggfls. öffentlich zu vertretender – [Schein-]Zugeständnissen zur Definition [und damit Einschränkung] der Vollzugsmöglichkeit?

6 – Ist es sinnvoll, auf Einsetzung einer ExpertInnen-Kommission zur Prüfung der Verbotsforderung zu plädieren, wenn der ExpertInnen-Status von Psychiatern und von solchen PolitikerInnen bestimmt wird, die bisher den rechtsfreien Raum der Psychiatrie absichern helfen?

7 – Wo kriegen wir die notwendige Menge an Leuten, Energie, Fachwissen, Zeit und Geld her, um ein ähnliches massives Engagement wie die Berkeley-Leute aufzubringen – vorausgesetzt, die Strategie ist juristisch sinnvoll, per Parlamentsbeschluss ein E-Schock-Verbot herbeizuführen?

8 – Außerdem: Weder der Insulin-Schock ist passé noch die Lobotomie! — Wie verfahren wir mit diesen Schändlichkeiten? Wie reagieren wir auf die Versuche von Sozialpsychiatern, biochemische Parameter für das Vorliegen einer psychischen Abweichung von der Norm auszumachen und diese gentechnologischauch präventiv, bevor die psychische Krankheit ausgebrochen ist – auszumerzen?

Wäre es nicht an der Zeit, sich näher mit jenen Fragen zu beschäftigen, die in Wirklichkeit endlich nach einer menschlichen und humanistischen Form der Bewältigung schreien? — Wie kommen wir dazu, unsere Mütter, Töchter, Söhne und Väter mit Burn Out Syndromen, oder gar Persönlichkeitsstörungen zu sezieren und auf nervliche Erschöpfungszustände zu behandeln, als wären unsere Körper gar nicht die unseren? — Es stimmt mich traurig mit anzusehen, wie die Leute, die am meisten in unserer Gesellschaft zu sagen hätten, gar nicht zu Wort kommen, weil sie auf Grund ihrer Erschöpfung behandelt werden müssen, oder dies gar freiwillig tun. In den meisten Fällen haben die Betroffenen weder die Kraft noch die Mittel, sich ihrer Geschichte zu erwehren, geschweige denn sie zu diskutieren.

Menschen mit erhöhter Vulnerabilität [d.h. Umweltempfindlichkeit und –sinneswahrnehmung] sind die gefährdetsten in unserer Gesellschaft und trotz einer unwahrscheinlich großen Anzahl an diesen lebenden Sensorien, schaffen wir es immer wieder, genau jene zur Strecke zu bringen. Dies noch ganz legitim und mit einem ungeheuren Kostenaufwand, da Zeit ja viel zu teuer ist heutzutage, nicht?
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