Reteid Resflet*12 Open Sources 1.9
Wednesday, 28. June 2006
On Bullshit. — Prof. Harry Gordon Frankfurt schreibt über gesprochenen und wörtlich gedruckten Bullshit. Das ist nur die halbe Wahrheit. Der visuelle Bullshit, in dem wir täglich baden, stinkt noch viel mehr. In der deutschen Ausgabe des Traktätchens selbst sieht Prof. Gerd Fleischmann Bullshit. — Kühlt, erfrischt und hält wach!
© Suhrkamp Verlag 20.02.2006  — Harry G. Frankfurt - Bullshit — Titel der Originalausgabe: On Bullshit — 2005 Princeton University Press — Aus dem Amerikanischen von Michael Bischhoff übersetzt — 73 Seiten, Gebunden — ISBN 3-518-58450-2 - »Zu den auffälligsten Merkmalen unserer Kultur gehört die Tatsache, daß es so viel Bullshit gibt. Jeder kennt Bullshit. Jeder trägt sein Scherflein dazu bei. Und doch neigen wir dazu, uns damit abzufinden. Die meisten Menschen meinen, sie seien in der Lage, Bullshit zu erkennen und sich vor ihm zu schützen, weshalb dieses Phänomen bislang wenig ernsthafte Aufmerksamkeit gefunden hat und nur unzulänglich erforscht worden ist.« Mit diesen Worten beginnt der philosophische Bestseller dieser Tage: Harry G. Frankfurts konzises, polemisches und provokatives Buch Bullshit. In den Vereinigten Staaten war es der Überraschungserfolg eines philosophischen Buchs der letzten Jahrzehnte. Binnen weniger Monate wurden 400.000 Exemplare verkauft und seine Thesen nicht zuletzt an den Orten breit diskutiert, die er fest im Visier hat: im Fernsehen und in der Presse. Frankfurt erläuterte selbst in populären Fernsehsendungen mit dem Scharfsinn eines Philosophen und der Pointiertheit eines großen Essayisten, daß Bullshit die große Gefahr unserer Zeit darstellt. — Harry G. Frankfurt hat eine scharfsinnige Analyse vorgelegt, wie es kommt, daß das »Blödsinnquatschen, das Rumpalavern, das Heiße-Luft-Produzieren oder schlicht das ›bullshitting‹«, so Daniel Schreiber in der taz, so um sich greifen, daß wir ihnen überall begegnen: in den Medien, in der Politik, in der Kneipe und in der Bahn. Bullshit ist omnipräsent und schlimmer noch: Bullshit steckt an und droht zur Epidemie zu werden, bei der die Wirklichkeit Gefahr läuft zu verschwinden. — www.suhrkamp.de
In seiner launigen Analyse steckt viel, was auch Desktoptaster die Augen öffnet. Im Verlag hat man wohl die Typografie und die Kunst, schöne Bücher zu machen, an den Nagel gehängt. Über Formfehler, verschobene Inhalte und das gute Augenmaß in der Buchgestaltung. Hier einige Auszüge aus seiner Abhandlung, welche er uns freundlicherweise zum Download bereitstellt:



Bullshit? — Als Buch, als körperliches Objekt, das wir mit Hand und Auge wahrnehmen, ist das kleine Artefakt (oder sollte ich ›Machwerk‹ schreiben?) sicher genau das, was Frankfurt so nennt: »[Die] Aussage gründet weder in der Überzeugung, dass sie wahr sei, noch in dem Glauben, dass sie falsch sei, wie es für eine Lüge erforderlich wäre. Gerade in dieser fehlenden Verbindung zur Wahrheit – in dieser Gleichgültigkeit gegenüber der Frage, wie die Dinge wirklich sind – liegt meines Erachtens das Wesen des Bullshits.«



Der erste Eindruck ist ernüchternd, als ich das Büchlein sehe und in die Hand nehme: Schlechte Proportion, überzogener Auftritt in Leinen, ein Leichtgewicht, das der vornehm dunkelroten Aura nicht standhält. Innen ist der Text großspurig auf den dadurch noch kleiner wirkenden Seiten verteilt. Ich habe das Gefühl, da macht mir einer mächtig was vorverstehe ich das richtig: Bullshit?



Zurück zur Form. So wie es in der verbalen Kommunikation, auf die sich Frankfurt im Wesentlichen bezieht, Bullshit gibt, gibt es das auch in der visuellen Kommunikation – auch in typografischen Arbeiten, zu denen das Buch gehört. Vor allem aber in der Werbung, in der Bullshit Prinzip ist, da immer etwas angeboten werden muss, was wir nicht brauchen. »Auf dem Gebiet der Werbung und der Public Relations und dem heutzutage eng damit verbundenen Gebiet der Politik finden sich zahllose eindeutige Fälle von Bullshit, die als unbestreitbare und sogar klassische Beispiele dieses Genres gelten können.«



Die Augen sehen anders als das Typomaß. — Ist schon 5 : 8 (1 : 1,600) eine schlechte Näherung an den Goldenen Schnitt, so »fällt [es] schwer, dies noch von der Proportion 2 : 3 zu behaupten«, wie Jan Tschichold in seinem Aufsatz ›Willkürfreie Maßverhältnisse der Buchseite und des Satzspiegels‹ schreibt. Zunehmend genauere Näherungen lassen sich aus der Fibonacci-Folge 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, ... ablesen, die nichts Anderes als den Goldenen Schnitt, die Stetige Teilung, darstellt: Jede Zahl ist die Summe der beiden vorausgehenden und verhält sich zur jeweils vorausgehenden annähernd so wie die folgende zu ihr selbst – die Näherung ist umso besser, je größer die Zahlen sind. In der Sprache der Geometrie bedeutet das: Ist eine Strecke im Goldenen Schnitt geteilt, so verhält sich der größere Abschnitt zum kleineren wie die gesamte Strecke zum größeren.



Der klassische Satzspiegel eines Buches ist immer so angelegt, dass der Kopfsteg, der Raum oberhalb des Textblocks, deutlich schmaler ist als der Fußsteg, und auch schmaler als die Randstege außen. In Bullshit sitzt der Text auf der Seite wie die Rappermode bei den Kids, der Schritt auf Höhe der Knie.



Ein typografisches Gegenbeispiel zu Bullshit ist die elegante Broschur von Robert Bringhurst: The Solid Form of Language. An Essay on Writing and Meaning. Kentville: Gasperau Press, 2004. Der Text über geschriebene und gedruckte Sprache im Gegensatz oder auch Verhältnis zur gesprochenen ist in radikalem Flattersatz gesetzt, ohne jegliche Trennung. Das geht einfacher im Englischen als im Deutschen, weil die Wörter in der Regel kürzer sind und dadurch nicht allzu große Löcher am Zeilenende entstehen. Der strukturierte Karton-Schutzumschlag mit Schöpfrand vorne und glattem Schnitt hinten und verhuschten Schriftzeichen (auch auf dem schwarzen Kartonumschlag) allerdings ist übertrieben kunstgewerblich. Schrift wird hier zu Tapete.



Die romantische Ironie von Frankfurt im letzten Satz des Traktats teile ich nicht. Ich halte sie für Koketterie, reif für die Talkshow. Wäre Aufrichtigkeit Bullshit – welche Bedeutung, welche Funktion sollen Wörter, soll Sprache dann überhaupt noch haben?

So schwierig ist die Sache offenbar doch nicht.
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© Prof. Gerd Fleischmann 2006 © Dieter Telfser 2005 bullshit (application/pdf, 3,430 KB)

Laura Penny: Your Call Is Important To Us. — The Truth About Bullshit. New York 2005
Lois Beckwith: The Dictionary Of Corporate Bullshit. New York 2006
PPS — Ex-DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp nannte die Konzernzentrale in Möhringen mit ihren zu eng beieinander stehenden Pavillons, die aussieht wie ein defizitäres, karamellfarbiges Großklinikum: »Bullshit Castle«. (Vgl. DIE ZEIT Nr. 13, 23. März 2006, S. 6: Was fiept denn da?)

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bullshit
was hat denn der herr fleischmann gegen linien und warum ordnet er die den damen des designergewerbes zu?
ich verwende die auch schon mal gerne. ich dachte die damen wären eher für pastell, lieb und nett zuständig. Da passen linien mit ihrer strenge doch gar nicht ins bild. naja vielleicht nur nicht in meins.

mir scheint seine ansicht vielleicht ein tick zu »engstirnig«, im sinne von, wird suhrkamp wirklich so viel zeit und geld in dieses buch reingesteckt haben? es sieht zwar so aus, als ob und passt so viel besser zu den werbetreibenden, die es wohl lesen sollen. bedenklich wird es allerdings, wenn dieses buch dann bei den schönsten 50 auftauchen sollte. aber das würde dann wohl eher die reflektionskräfte einer branche betreffen und nicht die suhrkamps.

und aus der praxis:

wir planen im verlag eine buchreihe, wo reden abgedruckt werden sollen, also jeder, der sein verbales lebenswerk drucken lassen möchte darf zu uns kommen. auf meine bemerkung hin, das da eine marginalspalte sinnvoll wäre um kommentare und verweise abzubilden, bekam ich die antwort, das wäre zuviel aufwand und man möchte das nur anbieten als möglichkeit, aber ohne möglichkeit der benutzung, wie ich mir dann dachte. schade ums geld der leute und schön fürs geld, was im verlag verdient wird.

was ich damit sagen will, vielleicht ist das einfach kein ausreichend ambitioniertes projekt gewesen bei suhrkamp.

ein paperback wäre auch ehrlicher gewesen, volksnaher, benuzbarer auch. aber es sollte wohl als ausstellungstück daherkommen, werbung eben, oder bullshit …

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